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Peter Schnyder - „L’ irréel intact dans le réel dévasté“

Aggiornamento: 25 set 2021


Die introspection eines jungen Intellektuellen



Vier Jahre der frühen, persönlichen Entwicklung


Ein Gelehrter dreht das Rad der Zeit um rund 50 Jahre zurück und präsentiert uns seine Tagebucheinträge aus den frühen Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Peter Schnyder, ein homme de lettres klassischen Zuschnitts wie er seither etwas seltener geworden ist, renommierter Romanist, universal gebildet und dazu ein begeisterter Lehrer, war zuletzt Professor an der Université de Haute-Alsace in Mulhouse. Er wirkte mit spezieller Berücksichtigung des späten 19. und des 20. Jahrhundert und zudem als Direktor des dortigen Instituts für europäische Sprachen und Literaturen. Engagiert betreute er mehrere Fachbereiche, beispielsweise die „Études helvétiques“, den Bereich „franco-suisse“, war Experte an der Université de Strasbourg und beim Conseil de l’Europe und Mitglied des Redaktionskomitees zahlreicher literarischer Zeitschriften, dies über Frankreich hinaus, so in Portugal, Ungarn, Polen oder Rumänien. Seine Publikationen sind inhaltlich reich und sie sind auch zahlreich².


Schnyders „Pages d’un journal de jeunesse“, wie der Untertitel lautet, erstrecken sich auf den Zeitraum von 1971-1974. Der Autor war damals 25 bis 28 Jahre alt. Seine Einträge sah er ursprünglich nicht als Publikation vor. Das Tagebuch war damals


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¹ „J’ajoute que j’ai toujours été attiré par l’enseignement“. S. 477.
² Zu den akademischen Aktivitäten von Peter Schnyder, seinen zahlreichen Veröffentlichungen und seinen Ehrungen vgl. http://cpoupon.free.fr/PSchnyder_2013.pdf


Schnyders ständiger Begleiter; es war sein Medium, mit dem und in dem er über literarische, musikalische und künstlerische Erfahrungen und Entdeckungen aller Art sinnierte, sich selber mitteilte und das Erlebte festhalten wollte.


Was hat denn Peter Schnyder, fünfzig Jahre später, dazu veranlasst, seine Aufzeichnungen der Öffentlichkeit dennoch zugänglich zu machen? Es ist der ausserordentlich kreative Zeitgeist jener Jahre, der ihn schliesslich dazu bewogen hat. Wie er uns mitteilt: „Pour faire revivre le souvenir d’une époque qui tenait en haute estime les lettres et les arts, qui favorisait une culture du dialogue et des échanges sans a priori.“ Wir kehren in eine Zeit zurück, die den vorbehaltlosen, offenen Dialog für ihr oberstes Gebot hielt, und die im Gegensatz zur heute beobachtbar zunehmenden Ideologisierung allen Denkens im Interesse der intellektuellen Offenheit nach allen Seiten dialektisch ausgerichtet bleiben wollte. Und nicht zuletzt waren die Universitäten zu jener Zeit weniger verschult als heute und gewährten damit interessierten Studenten wie Peter Schnyder mehr Freiraum, sich individuell zu entwickeln.


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³ So Schnyder selber, S. 474.




Der universal Interessierte


Schnyder präsentiert sich als ein wissbegieriger junger Intellektueller mit einem geradezu unersättlichen Lesehunger. Er ist er gepackt von seiner zeitlebens grossen Passion, der französischen Literatur und Geistesgeschichte; und er geht auch weit darüber hinaus. Musik, Kino, Theater, Zeitgeschehen, um nur einige weitere Bereiche zu nennen, interessieren ihn gleichermassen. Es dürfte selten sein, dass jemand in so jungen Jahren ein solch reiches Tagebuch anlegt, eines, das auch fünfzig Jahre später für Interessierte nichts von seiner grossen Inspiration verloren hat.

Schnyders literarische Erkundungen werden zu einer tour de force der aussergewöhnlichen Art. Über den Rahmen bekannter und weniger bekannter französischer Autoren hinaus stürzt sich der junge Intellektuelle hoch interessiert auf alles, was ihm als lesenswert erscheint, von der Antike bis zur Gegenwart, von Aristoteles bis zu Samuel Beckett oder Eugène Ionesco. Er reflektiert über seine Lektüre, und es gelang ihm schon damals, gleichsam noch als Jüngling, das Gelesene in einen weiteren kulturgeschichtlichen Bezug zu setzen. Getreu seinem Motto „non multa sed multum“ kehrt er immer wieder gerne zu den grossen Werken zurück. Als Beispiele dafür mögen Balzac, Proust, Rousseau, Mérimée und insbesondere André Gide dienen. Schnyder entwickelte sich im Verlauf seines weiteren Lebens zum renommierten Gide-Experten, und wir folgen ihm hier auf seinen frühen Entdeckungsreisen. Seine Publikationen zu Gide sind so wesentlich wie sie zahlreich sind, und er ist heute zudem Präsident der „Fondation Catherine Gide“, der Tochter des Literaten, mit der er bis zu ihrem Tod im Jahre 2013 verheiratet war.





Ein reiches kulturelles Panoptikum


Schnyder geht über den Rahmen der Literatur hinaus. Insbesondere die Musik ist ihm eine weitere tiefe Passion. Sein geliebtes, ja geradezu unverzichtbares Pianospiel zieht sich durch alle vier beschriebenen Jahre; Bach, nochmals Bach, Beethoven, Mozart, Debussy, Händel, Chopin …. - sie sind omnipräsent. Er musiziert zu Hause, findet aber auch auf seinen Reisen stets Gelegenheit dazu. Seine einzige Alltagssorge während der geschilderten vier Jahre scheint die geäusserte Furcht zu sein, der Fussboden könnte die Last seines Pianos nicht mehr tragen und würde einsacken⁴. Wenn man Schnyder liest, den Gelehrten mit seinem umfassenden Wissen, mit seiner mitreissenden Begeisterung, wünscht man sich, ihn auch als Pianisten erleben zu können.


Schnyders Leidenschaft gilt auch dem Theater und der Oper. Die Zauberflöte, Don Giovanni, Fidelio, und viele andere Opern mehr, er hat sie alle gesehen, und oft mehrmals. Insbesondere während seiner längeren Studienaufenthalte in Wien oder Paris oder bei seinen Auslandreisen, die ihn, unter anderem, nach Prag, Bratislava, München und natürlich in weite Teile Frankreichs führen, verpasst er keine Gelegenheit, Aufführungen mitzuerleben, und er erinnerte uns damit auch an die heute legendär gewordenen Regisseure und Schauspielerinnen und -spieler jener Zeit. Die frühen Siebzigerjahre waren zudem die grosse Zeit des französischen und italienischen Films, und Schnyder hat uns dazu wiederum viel zu sagen, sei es zu Fellini, Pasolini oder zu deutschen oder angelsächsischen Regisseuren. Eingehende Beobachtungen und Überlegungen zur bildenden Kunst in jenen Jahren und aus vorangegangener Zeit, zu Auguste Rodin oder Albert Anker beispielsweise, fehlen ebenso nicht. Und als junger


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Vgl. S. 136. Eine köstliche Passage!


Intellektueller verfolgt Schnyder auch sein eigenes Zeitgeschehen genau; er liest den Figaro oder Le Monde und kommentiert dazu. Oder er macht sich Gedanken zu Jeanne Herrsch.


Dass einem Menschen in dieser frühen Lebensphase ein solch reiches kulturgeschichtliches Panoptikum gelingt dürfte eine Ausnahme bilden. Bemerkenswert ist ferner, dass Schnyder in Bern deutschsprachig aufgewachsen ist, sein Tagebuch aus diesen frühen Lebensjahren aber in einem Französisch abgefasst ist, das Experten wohl als „absolument impeccable“ bezeichnen würden. Man meint einen Muttersprachlichen zu lesen; es ist dies ein weiterer Ausdruck von Schnyders hoher Begabung und seiner Passion für die französische Sprache und Kultur.





Ein Tagebuch der Introspektion


Erstaunen mag, dass er als Student nur wenig Einblick ins damalige Geschehen an den Universitäten gibt. Dies trifft für seine Studien in Bern, Wien und sogar in Paris zu, wo wir ihm häufiger in der „Bibliothèque nationale“ als an der Sorbonne begegnen. Einzelne seiner Universitätsprofessoren treten zwar gelegentlich ins Rampenlicht, aber stets nur kurz, beispielsweise die damaligen Romanisten Roland Donzé und Pierre-Olivier Walzer oder der Germanist Werner Kohlschmidt an der Universität Bern. Dies erklärt sich aus der von Schnyder gewählten Form der Darstellung. Sein Tagebuch ist Intro- und auch Autospektion; er beschränkt und konzentriert sich auf die vertiefte Beschäftigung mit der eigenen Lektüre, auf seine kulturellen Erlebnisse und Erkundungen, sei es im Bereich der Musik, des Theaters, des Film oder der Malerei.

Interessieren würde die Frage, ob sich bei einzelnen seiner Wertungen, beispielsweise zu Pasolinis Verfilmung des Decameron, in der folgenden Zeit Verschiebungen oder andere Sichtweisen ergeben haben. Dieser interessante Aspekt liegt selbstredend ausserhalb des Tagebuchs, und Fragestellungen dieser Arzt könnten heute nur mit dem Autor selber, aus der Distanz von rund fünfzig Jahren, angegangen werden.



Hilfreicher Anhang und erhellende zusätzliche Beiträge


Besonderes Lob gilt Schnyder für seinen sehr gründlichen Anhang. Statt, wie meist üblich, nur eines Namen- und Ortsindexes, ist der Anhang zusätzlich in einzelne Themenbereiche (besprochene literarische Werke, Theater, Musik, u.w.m.) aufgegliedert.


Dies ermöglicht der Leserschaft, angesichts der Dichte des ganzen „journal littéraire“ die Lektüre auch themenspezifisch angehen zu können. Wer sich, beispielsweise, für Schnyders lebenslange Beschäftigung mit Gide interessiert, kann den Verweisen in den diesbezüglichen Anhängen folgen. Sie zeigen eine kontinuierliche persönliche Entwicklung des Wissenschafters und vermitteln damit ein kohärentes Bild seiner Personagenese.



Die beiden Essays von Ambre Philippe und Pierre Antonelli beleuchten das vielfältige Wirken des Autors und bereichern damit den Band⁵. Erhellend ist auch das Interview von Juliette Solvès mit Peter Schnyder (“Un éloge de la littérature et de la musique“), wo er sich aus heutiger Sicht ausgiebig zu Musik und Literatur äussert⁶.


Der reiche Inhalt und die intellektuelle Frische und Unvoreingenommenheit des Autors machen das Buch zu einem Quell der Inspiration, auch fünfzig Jahre nachdem es geschrieben wurde. Die Überzeitlichkeit des Dargestellten klingt bereits im Titel an: Wir alle müssen mit der realen Welt leben, in der alles einen Anfang und ein Ende hat. Doch die Kultur bleibt intakt, unvergänglich und zeitlos.


Peter Schnyder, L’ irréel intact dans le réel dévasté. Orizons, Paris 2021. 600 Seiten. 30 Euro.


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Verwiesen sei auch auf die Festgabe für Peter Schnyder: Tania Collani (dir.), Variations et inventions. Mélanges offerts à Peter Schnyder. Paris, Classiques Garnier, 2015, 523 S.
⁶ Ergänzend auch das aufschlussreiche Interview von Marine Parra mit Peter Schnyder:






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