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Jazz und PoesieIn Erinnerung an Wilhelm E. Liefland




Jazz und Poesie

In Erinnerung an Wilhelm E. Liefland

von

Jutta Dillmann



„Wir trauern um Wilhelm Liefland, den Lyriker, Schriftsteller, Musiker und Jazzkritiker, unseren Mitarbeiter und Freund. Wilhelm Liefland wurde, Zufallsopfer eines jugendlichen Amokläufers, am letzten Samstagabend in der Frankfurter Innenstadt zusammengeschlagen. Einige Tage versuchte er in seiner Wohnung, allein und zusammen mit Freunden, über den Schock, die Angst und die Schmerzen wegzukommen. Bis er sich dann entschloss, allein nach Norddeutschland und ans Meer zu fahren. Er kannte das Wattenmeer bei Nordstrand genau, die Landschaft seiner Kindheit und Jugend. Es war Heimat, die er bei seinem Tode sehen wollte und sah.“



Dies der Nachruf von Hans-Klaus Jungheinrich, einem Vertrauten und Weggefährten von Wilhelm Liefland, in der Frankfurter Rundschau vom 23. August 1980.



Wilhelm Liefland, 1938 geboren, stammte aus einer strenggläubigen Pastorenfamilie. Seine persönliche Entwicklung hat ihn weit von seiner Herkunft weggeführt; und doch nicht weit genug, als dass er nicht unter dem Anderssein gelitten hätte. Der früh Stigmatisierte hätte nichts so dringend gebraucht wie Geborgenheit. Der Kampf ums Akzeptiertwerden war für ihn alltäglich. Er arbeitete schwer, und stets mit Passion. Seine künstlerische, sprachliche, kritische Leistung, so subjektiv und bisweilen auch hermetisch sie sich darbot, hatte immer Adressaten. Lieflands Arbeiten fanden zunehmend Verständnis, Anerkennung, Bewunderung. Das alles konnte dem Verletzten, weiter Verletzlichen aber doch nur zum Teil helfen. Eine viel umfassendere Liebe und Wertschätzung nur hätten sein Leben erhalten können. Dem ohne Schutzpanzer Lebenden wurden fast alle beruflichen Schwierigkeiten und privaten Konflikte zu finsteren, existentiell bedrohlichen Zeichen. So empfand er das Zusammengeschlagenwerden zuletzt als sein Todesurteil.



Wilhelm Liefland wuchs als Lyriker und Schriftsteller daran, seine Angst zu bearbeiten. Sein Leben voll Hingabe transzendierte zu sprachkünstlerischer Formung, welche die tagtägliche Not wendete, indem sie diese bloßlegte. In allem, was Liefland schrieb, waren seine Angst, seine Erfahrung, seine Sehnsucht immer präsent. Ob er in der Zeitung Vorwärts schrieb oder im Rundfunk über Jazz sprach, seine Analysen und Beschreibungen waren persönlich, hell und feinfühlig. Sie spiegelten seine ganze Persönlichkeit. Wilhelm Liefland bleibt unersetzlich.



Die Erfahrung mit Alkoholmissbrauch und der damit zusammenhängenden psychiatrischen Kasernierung ging er mit Schreiben, Dichten, Musikmachen an, aber auch mit mutiger, selbstbewusster Lebensgestaltung, nicht zuletzt mit Disziplin gegenüber seinem Körper. Dem jünglinghaften Mann war kaum zuzutrauen, dass er andere verletzen konnte. Und doch gab es Leute, die sich von ihm verletzt fühlten; ihre Lebenstüchtigkeit stand im schroffen Gegensatz zu Lieflands bedrohter Existenz.



Liefland hatte Theologie, Literaturwissenschaft und Philosophie studiert. Seit 1969 war er ständiger Mitarbeiter der Frankfurter Rundschau. Er hatte insbesondere Teil an neuen Entwicklungen des Jazz. Betriebmacherei war ihm verhasst; seine Kritiken hoben sich vom üblichen, werbetextnahen Jargon der Jazz- und Rockkritik ab. 1975 erschien sein Gedichtband mit dem vielsagenden Titel Gesänge entlang der Angst; Gedichte und Prosaarbeiten wurden in verschiedenen Anthologien veröffentlicht. Mit dem Ensemble der „Maininger“ erarbeitete er präzis theatralisierte „Jazz- und Lyrik-Programme“, deren künstlerische Stringenz und thematische Komplexität ihresgleichen suchten.



Willem war einer, der Nähe suchte, sich aber nicht anbiederte, nicht anpasste.

Als er uns nach dem Überfall auf ihn wissen liess, dass er nach Rendsburg fahren wolle, ahnten wir die Gefährdung. Ihn von seinem Reiseplan abzuhalten, gelang uns nicht. Am folgenden Tag kam die unfassbare, schreckliche Nachricht… Willem war im Wattenmeer zu Tode gekommen. Welche Tragik sich dort ereignet hatte, bleibt für Freunde und Bekannte bis heute unfassbar.



Nach seinem tragischen Tode zeigten viele Koryphäen Interesse daran, den literarischen Nachlass von Willem zu bearbeiten und zu veröffentlichen. Schon bald waren seine Unterlagen, Manuskripte, Notizen, seine Kompositionen, im Raum Frankfurt verteilt.



Da viele Musiker und Künstler mein vertrauensvolles Verhältnis zu Willem kannten, wurde ich immer öfter auf die literarische Nachlassbearbeitung angesprochen. Sie hatten das Bedürfnis, in ihren eigenen Publikationen Texte von Willem zu integrieren. Ihre Bemühungen, Einsicht in den literarischen Nachlass zu bekommen, scheiterten aber, wurden abgeblockt. Willems reichen literarischen Nachlass zu verwalten, gelang mir erst rund sechs Jahre nach seinem Tod dank der Unterstützung einer Person aus seinem Familienkreis .



Vorgesehen war zumindest eine Neuauflage seines Poesiebandes Gesänge entlang der Angst, ergänzt mit unveröffentlichten Gedichten aus dem Nachlass. 1987 konnte schliesslich der Gedichtband Poesie beim Wolke Verlag erscheinen.



Und es gelang mir dank günstigen Umständen und der Überwindung vieler Hindernisse, den weiteren literarischen Nachlass zusammenzutragen. Allerdings: Zahlreiche, mittlerweile verstaubte Umzugskisten, ein chaotischer, unüberschaubaren Wust von Papieren, deuteten darauf hin, dass die Nachlassbearbeitung und Sichtung zur Sisyphusarbeit werden könnte. Dies liess Wehmut aufkommen, da geniale Gedanken zu finden waren, die es wert gewesen wären, ausformuliert und sortiert einem breiten Publikum präsentiert zu werden.



Dann aber trat ein erfreuliche Wende ein. Der engagierte Melsunger Kleinbuchhändler D. Nallepa hatte in den Jahren 1970 bis 1980 sämtliche veröffentlichten Musikkritiken von Willem gesammelt. Er bot an, mir seinen persönlichen Liefland-Nachlass zu überlassen.



Der Kleinverlag von Raimund Dillmann publizierte dann 1992 eine Auswahl der erhaltenen Musikkritiken mit einem Vorwort von Hans-Klaus Jungheinrich.



Anlässlich meines Umzuges in die Schweiz im Jahre 1992 kam ich ins Grübeln. Natürlich hätte ich den rudimentär sortierten literarischen Nachlass mitnehmen können. Andererseits schien mir unfair, diesen ausser Land zu bringen und damit interessierten Personen die Einsicht in Lieflands Schaffen zu erschweren. Ich beschloss deswegen, den literarischen Nachlass dem beispielhaften Jazzinstitut Darmstadt zu übergeben. Nach viel Überzeugungsarbeit hiessen schließlich auch die engen Angehörigen von Willem diesen Schritt gut, allerdings mit der Klausel, dass die Texte im Archiv bleiben und keiner veröffentlicht werden dürfe. Ob sich seither diesbezüglich neue Entwicklungen ergeben haben, ist mir nicht bekannt. Aber das Wesentliche wurde damit erreicht: Willems Nachlass ist gesichert und bleibt für Interessierte zugänglich.



Denn Wilhelm Lieflands reiches Schrifttum, seine Kritiken, Kommentare, seine Kompositionen sind in ihrem Reichtum einzigartig und unersetzlich. Sein inspiriertes intellektuelles und künstlerisches Wirken lebt damit für alle Interessierten fort.



Eine Liste der Publikationen von Wilhelm E. Liefland findet sich im Eintrag von wikipedia.

Mit Grossem Dank an Frau Jutta Dillmann, Verlegerin und Publizistin. (h-d)



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