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Prag, ein Mekka des europäischen Jazz


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Prag, als die Goldene Stadt bekannt, ist kulturell reich. Zahlreiche Schriftsteller (böhmisch-)deutscher oder österreichischer Abstammung wurden in der Stadt geboren oder haben dort längere Zeit gelebt. Zu den besonders bekannten gehören Franz Kafka, Rainer Maria Rilke, Franz Werfel oder der damalige Avantgarde Journalist Egon Erwin Kisch. Unter den Prager Schriftstellern tschechischer Sprache finden wir Karel Čapek, Vaclav Havel oder Milan Kundera. Und Eduard Mörike schrieb die Novelle Mozart auf der Reise nach Prag - was uns zur Musik führt.

Die grossen tschechischen Komponisten, der barocke Jan Dismas Zelenka, Antonin Dvorak, Bedrich Smetana oder Leos Janacek, stammen alle aus Prag oder aus der nahen Umgebung, und durch Besuche und Auftritte besonders eng verbunden mit der Stadt war Wolfgang Amadeus Mozart.


Wie in der älteren Musik schaut Prag auch im Jazz auf eine lange Tradition zurück, die bis zum heutigen Tag anhält. Eine besondere Wichtigkeit kam dem Jazz in Prag zur Zeit des Kalten Krieges zu. Angesichts der damals behördlich allgemein restriktiv gehandhabten Ausreisebewilligungen aus der Tschechoslowakei war es nur erschwert möglich, Jazz-Anlässe im so genannt kapitalistischen Westen zu besuchen. Diese Tatsache hat sicher dazu beigetragen, dass das einheimische Jazzschaffen umso intensiver gepflegt wurde, ihm Antrieb gab und Impulse verlieh. Jazz galt bei den kommunistischen Regimen des damaligen Ostblocks als musikalischer Ausdruck westlicher Dekadenz und wurde nur mit einem gewissen Argwohn geduldet. Dennoch wurde zugelassen, dass bei Konzerten und Festivals Künstler aus dem Westen auftraten, wenn auch gleichsam homöopathisch dosiert. Eine Recherche ergibt, dass die ganz Grossen im Bereich, Dizzy Gillespie, Dave Brubeck, Duke Ellington, Louis Armstrong, Herbie Hancock, Chick Corea oder Joe Zawinul, in der damaligen Tschechoslowakei und nach der Trennung von der Slowakei, wie zu erwarten, auch in der Tschechischen Republik aufgetreten sind, oft mehrmals. Jazz in Prag hatte damit auch eine stark politische Funktion. Die Konzerte mit Gastauftritten dieser Art, die von der US-Regierung aus propagandistischen Erwägungen finanziell unterstützt wurden, öffneten ein Fenster für tschechische Jazzmusiker und -innen und für Jazzinteressierte. Sie huldigten der vorab US-amerikanischen Kunstrichtung, hatten aber nicht die Gelegenheit, diese Künstler im Westen erleben zu können. 


Einen Schritt weiter, so sei am Rande beigefügt, gingen später tschechische Musiker wie die Bassisten Miroslav Vitous und George Mraz oder der Keyboarder Jan Hammer, die sich zur Auswanderung entschlossen und in den USA und schliesslich weltweit erfolgreich geworden sind.


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So weit die Vorgeschichte.


Um die Jahrtausendwende entwickelte der Schweizer Jazzpassionierte Alexander Jon Schneller zusammen mit seiner Ehefrau Ada dann ein Projekt, das die damals aktuelle Prager Jazzkultur porträtieren wollte. Daraus entstand das Buch That Jazz of Praha. Vierzehn Jazz-Porträts in Wort und Bild, erschienen 2006 bei Vitalis, dem einzigen deutschen Verlag in Prag. 


Unser Beitrag feiert somit den demnächst zwanzigsten Jahrestag des Erscheinens dieses schönen Bandes. Er gilt insbesondere auch dem Gedenken an Alexander Jon Schneller, der im Herbst mit achtundsiebzig Jahren zu früh von uns gegangen ist. Fussend auf den biographischen Angaben im Buch, wirkte der Geisteswissenschaftler mit Lizentiatsabschluss an der Universität Basel in den Disziplinen Germanistik, Philosophie und Anglistik von 1970 bis 1998 als Lehrer am Gymnasium in Olten. Wer Schneller kannte, wusste um seine stupenden Kenntnisse im Bereich des Jazz und um seine Sammlung von seltenen Vinyl-Schallplatten dieses Genres, die er mit höchster Sorgfalt behandelte. Sich mit ihm über Jazz zu unterhalten war hoch inspirierend, und seine Passion war ansteckend. Verheiratet war er mit Ada Schneller aus Kladno in der damaligen Tschechoslowakei. Etwas erstaunt waren viele, als er in den späten Neunzigerjahren seine berufliche Stellung aufgab und die Schnellers beschlossen, nach Prag zu ziehen. Nach der so genannten samtenen Revolution in der Tschechoslowakei hatte sich die Tschechische Republik zu einem demokratischen Staat gewandelt. Prag war wieder offen für all jene, welche die damalige Tschechoslowakei einst verlassen hatten, und die tschechische Hauptstadt wurde zur wieder gewonnenen Heimat von Jazzfreunden wie Alexander Jon und Ada Schneller.


Wie rasch der Jazzenthusiast Schneller in seinem neuen Prager Wirkungskreis als freier Journalist und Lektor für Deutsche Sprache Fuss fasste, zeigt sich darin, dass er bei Radio Prag International (RPI) schon bald eine ständige Kolumne in deutscher Sprache zugesprochen erhielt und zu verschiedensten Aspekten des Lebens interessante Beiträge beisteuerte: zum Prager Verkehrschaos, der böhmischen Küche, der deutschen Rechtschreibung, dem Preis der Freiheit und vielem mehr. Seine interessanten und originellen  Kolumnen sind auch heute noch im Internet bei RPI abrufbar. 

Ein Höhepunkt seines Wirkens in Prag ist das oben angezeigte Jazzbuch, das er zusammen mit seiner Ehefrau verfasste. Im kundigen Vorwort lesen wir, wie qualitativ und auch quantitativ hoch die Prager Jazzszene ist. Die Schnellers porträtieren vierzehn prominente Prager Jazzmusiker und -musikerinnen; ihre Auswahl sei nach subjektivem Geschmacksurteil erfolgt. Vorgelegt wurden allen Musikern und Musikerinnen dieselben zwölf Fragen, für die Leserschaft im Anhang angefügt, deren Beantwortung sie selber gestalten konnten. Der Fragebogen sei als Fundament zu verstehen, wie im Vorwort ausgeführt wird; er sei ein Raster, ein Anstoss, ein Ausgangspunkt zur persönlichen Ausgestaltung, mit Raum für Ergänzungen, ja Abschweifungen, eingeschlossen der Freiheit, auf gestellte Fragen nicht einzugehen. Die einzelnen Beiträge lesen sich denn auch undogmatisch frei und ausgesprochen persönlich, losgelöst von den einzelnen Fragepunkten. Sie vermitteln auf diese Weise Einblick in das Leben und Wirken der Künstler und Künstlerinnen und in die Prager Jazzszene allgemein.  

Zu den direkten, ungeschminkten Darstellungen fügen sich die grossformatigen, ausdrucksstarken Fotografien von Christian Gerber, seien es persönlich gestaltete Porträts oder Aufnahmen von Bühnenauftritten. Gerber wählte schwarz-weiss und es gelingt ihm damit meisterhaft, die Persönlichkeit der Porträtierten optisch einzufangen.

Eine besonders gute Hand hatte auch Danilo Silvestri, der graphische Gestalter des Bandes. Passend zur kraftvollen Aussage der Musik wählte er klug ein grosses Buchformat. Sein ausgesucht ruhiges Schriftbild und seine nicht überladene Gestaltung sind gleichsam Antipoden zur sprudelnden jazzigen Vitalität in Wort und Bild und verleihen dem Lesen Leichtigkeit. Gerber und Silvestri ist es gelungen, den Band zu einem optischen Vergnügen zu machen. 


Taucht man in die einzelnen Biographien ein, so stellt man mit Freude fest, dass von den vierzehn Porträtierten zwanzig Jahre nach Erscheinen des Buches nur ein einziger Musiker gestorben ist. Dies verleiht dem Band eine anhaltende hohe Aktualität. Alexander Jon Schnellers Feststellung, es sei äusserst schwierig ausserhalb Tschechiens tschechische CDs zu kaufen, trifft dank des zwischenzeitlich vielfältiger gewordenen Handels zum Glück nicht mehr im gleichen Ausmass zu. 


Mit einem Geleitwort, das mit nur vier Zeilen zwar ausgesprochen knapp ausgefallen ist, beglückwünscht Vaclav Klaus, der damalige Präsident der Tschechischen Republik, den Band. Klaus ist am rechten Spektrum der Politik anzusiedeln, wogegen man Alexander Jon Schneller als Vertreter einer linken Richtung kannte. Das Erfreuliche ist, dass die Kunst, der Prager Jazz, diese unterschiedlichen Positionen vergessen lässt und versöhnlich stimmt.


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Auf der Webseite des Prager Vitalis Verlages findet sich der reiche Band.

Die Seite vermittelt auch Einblick in das vielfältige, weltoffene Sortiment dieses einzigen Prager Verlagshauses in deutscher Sprache.


Alexander Jon Schneller

Ada Schneller 

Christian Gerber

Danilo Silvestri

That Jazz of Praha. Vierzehn Jazz-Porträts in Wort und Bild.

Prag 2006


Die Illustrationen hat die Künstlerin Lina Giusti aus Lucca beigesteuert. Grazie infinite!

Hortus Deliciarum, Hugo Schwaller

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