Kann die Krise eine Chance sein?

Dekonstruktion eines Clichés



Seit Jahrzehnten predigen uns Esoteriker der verschiedensten Zugehörigkeit, Gurus aus der New Age-Bewegung, selbsternannte Berater oder Coaches, dass jede Krise eine Chance sei. Sie berufen sich darauf, dass in der chinesischen Schrift das Zeichen für Krise und Chance identisch sei. Im Internet finden sich mehr als eine Million Einträge zu diesem Thema.


Vollends bestätigt fühlten sich diese vielen Ratgeber, als auch der chinesische Ministerpräsident im Januar 2009 der offiziellen Schweiz die Theorie von der Krise als Chance zum Besten gab.


Die braven Eidgenossen haben dazu tiefsinnig genickt, und Herr Wen hat still gelächelt. Doch: Die Geschichte ist lediglich für Smalltalk tauglich, wahr ist sie nicht. Sie ist eine moderne Legende, das Produkt einer im Westen gepflegten und vom Osten geförderten Folklore, welche die chinesische Kultur verklärt.


Dass selbst Herr Wen die Geschichte offiziell zum Besten gab, ist eine Facette chinesischen Humors, nicht unähnlich dem Wiener Schmäh.


Die Gründe, weshalb sich die Theorie von der Krise als Chance im Westen so hartnäckig hält, liegen einerseits im Wunschdenken der erwähnten Populärpsychologen und Hokus-Pokus-Therapeuten und stets auch -innen; anderseits in einem grundlegend irrtümlichen Verständnis dafür, wie Begriffe in Mandarin gebildet werden, wie im Folgenden aufzeigt wird.


Wie die meisten Begriffe im modernen Chinesisch setzt sich auch das Wort für „Krise“ aus zwei Silben und somit aus zwei Schriftzeichen zusammen, nämlich aus “WEI“ und „JIi“: „Weijli“ bedeutet Krisis. „WEI“ spricht von Gefahr, „JIi“ bezeichnet den Wendepunkt, meint den Moment, in dem etwas beginnt oder sich verändert. „WEI JIi“ meint also eine tiefgreifende Krise, einen gefährlichen Moment, in dem sich die Dinge zum Schlechten entwickeln. „WEI JIi“ weist auf eine gefährliche Situation, in der spezielle Vorsicht geboten ist. Es ist nicht eine Situation, in der man sich Chancen erhofft, vielmehr eine, in der man seine Haut retten will.


Die Silbe „JIi“ selber ist mehrdeutig. Sie wird nicht nur als Begriff für einen Wendepunkt oder einen Beginn verwendet, sondern auch zur Wortbildung für Maschinen und Geräte oder für Adjektive und Adverbien wie geschmeidig, geschickt oder organisch. In Kombination mit anderen Zeichen kann „JIi“ hunderte von Zweitbedeutungen haben.


Wichtig ist zu wissen, dass es diese Zweitbedeutungen nur in Verbindung mit dem mehrsilbigen Begriff haben kann, mit dem es kombiniert wird.


Wer sich dafür interessiert, kann sich dies selber schriftlich vor Augen führen.


Per Exempel: Kombinieren wir die Silbe „JIi "mit „HUI“ (Gelegenheit), ergibt sich der begriff „JIi HUI“, der Chance bedeutet. Aber merke: „JIi“ allein bedeutet nicht Chance!


„WEIJIi" mit „JiiHUI" zu verwechseln ist ebenso abwegig wie zu behaupten, eine Krise sei die beste Gelegenheit um eine Chance wahrzunehmen.


Stellt man dem Zeichen „JIi“ das „FEI“ voran, was fliegen bedeutet, erhält man den Begriff „FEIJIi“, was Fluggerät oder Flugzeug bedeutet.


So könnte man mit denselben Sprachspielereien behaupten, die Krise sei ein Fluggerät, was in der der Wirtschaftswelt, wo Manager öfter mal (raus)fliegen, zumindest einen Bezug zur Realität hätte.


Ich möchte zum Schluss an die Parabel vom Brunnenfrosch und der Meeresschildkröte des chinesischen Philosophen Dschuang Tsi erinnern. Dazu sei folgendes angemerkt: Im Mandarin ist ein Philosoph nicht einer, der die Wahrheit sucht, sondern ein Mann des Weges.


Die Geschichte handelt vom Brunnenfrosch, der in seinem Brunnen der Grösste ist, der seine ganze Brunnenwelt kennt und beherrscht. Der Brunnenfrosch erhält Besuch von der Meeresschildkröte, die ihm vom Meer erzählen will. Der Frosch versteht aber null und nichts! Die Schildkröte, die bereits einen Fuss im Schlamm des Brunnen stecken hat, zieht diesen wieder heraus mit der Erkenntnis: Dem Brunnenfrosch etwas über die Weite des Meeren beizubringen, ist ein Ding der Unmöglichkeit.


So bleibt denn, „Ex Oriente Lux“, wohl die Legende von der Krise als Chance im Westen weiterhin lebendig. Scharen von Brunnenfröschen werden sie fröhlich weiterquaken, gegen gutes Geld, zur Erbauung all jener, welche die Krise als eine Fluggelegenheit erleben.

10.04.2021, Hyeronimus Brosamer



Hyeronimus Brosamer hat sich als Leiter seines Risikomanagements zeitlebens mit Chancen und Risiken beschäftigt. Seine vertieften Einsichten unterliegen seiner eigenen Verantwortung.



H.M.S. - Merlin

10/04/2022

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