• hugo2825

Die Geschichte hat uns eingeholt

Aggiornamento: 25 nov 2020

Reisen zur Zeit der Pest (Michel de Montaigne, Johann Caspar Goethe) und in Zeiten von Covid19


Michel de Montaigne - in der Skizze von Sandra Colla


Reisen im Rinascimento war, kaum weniger als im Mittelalter, mit massiven Gefahren verbunden. Insbesondere sind die in zahlreichen Gegenden lauernden Wegelagerer und Räuberbanden zu nennen. Montaigne bestätigt dies an einer Stelle seines Reiseberichtes (Un Viaggio in Italia): «(...) wie man uns gesagt hat, ist die Strasse von Genua nach Mailand nicht gerade sicher vor Dieben.» Auch die allgemeinen Lage in Rom, insbesondere nachts, sei sehr unsicher und gefährlich.


Hinzu kamen Reisehindernisse der damaligen Zeit, denen wir uns bis vor Kurzem zum Glück nicht mehr ausgesetzt sahen, und die zu umgehen zeitraubend und auch nicht ohne Gefahr waren, und es heute, so überraschenderweise, plötzlich wieder sind. Namentlich denken wir hier an die damals in vielen Gebieten wütende Pest, der Montaigne aber schon ausserhalb Italiens geschickt auszuweichen verstand. Bereits auf der Durchreise in der Schweiz, so lesen wir, hätte er im schweizerischen Baden gerne auch das nahe Zürich besucht, habe die Stadt aber rechterhand liegen lassen, weil dort die Pest geherrscht habe. Ähnlich kommentiert der Schreiber des Reisberichts, dass Montaigne und seinen Reisebegleitern bei der Anreise in Rom wegen der in Genua grassierenden Seuche Schwierigkeiten bereitet worden seien. Ausgeführt werden diese nicht, doch ist bekannt, dass der Zutritt und das Verlassen von Städten, die von der Pest befallen waren, aufs Genaueste kontrolliert wurde. Und gleich ist es heute: Ganze Ortschaften und gar Regionen werden wegen der grassierenden Corona-Seuche abgesperrt. 

Wie gut allerdings Montaigne mit seiner Reisegruppe (bestehend aus insgesamt wohl zehn bis zwölf Personen) Pestzonen zu umgehen verstand, zeigt ein Vergleich mit einem anderen prominenten Italienreisenden in derselben Situation.


Montaigne war nur eine von vielen Persönlichkeiten, die auf ihrer Reise durch Italien ständig gegen die Pest zu kämpfen hatten. Dieses lebensbedrohliche Risiko auch für ausländische Besucher währte weit über den zur Frage stehenden Zeitraum des zu Ende gehenden 16. Jahrhunderts hinaus. Noch 160 Jahre später sah sich Johann Caspar Goethe (1710-1782), der Vater des berühmten Sohnes Johann Wolfgang von Goethe, auf seiner Reise durch Italien im Jahre 1740 (die er in etwas holprigem Italienisch, aber mit viel Hingabe verfasste: Il viaggio per l’Italia fatto nel anno MDCCXL ed in XLII, und die er mit grossem Stolz als sein Lebenswerk betrachtete) mit den Gefahren der Pest konfrontiert. Im Vergleich mit dem Franzosen tritt uns der alte Goethe, wie er gerne genannt wird, als ein ganz anderer Typ des Reisenden entgegen. Begegnete Montaigne dem Gastland unvoreingenommen, so hatte der Deutsche seine Reise mit damals bekannten Reiseführern vorgängig minutiös geplant. Indes: Was dann, einmal vor Ort, seinen vorgefassten Erwartungen nicht entsprach (Land und Leute, deren Sitten und Benehmen, deren Essen), bereitete ihm Mühe und stiess schnell auf radikale Ablehnung. Dies waren schlechte Voraussetzungen, mit unerwarteten Situationen wie einer plötzlich auftretenden, lokal begrenzten Pestgefahr zurechtzukommen. Diese Einsicht scheint der Reisende im Nachhinein denn auch selber gehabt zu haben: «An die Unannehmlichkeiten, die einem auf der Reise begegnen, denkt man im Voraus gewiss nicht.»


Unvorhergesehenes, Überraschendes, was immer er nicht eingeplant hatte, insbesondere was beschwerlich oder gar ärgerlich sein konnte, kommentierte J.C. Goethe bald einmal mit Unbehagen und Verdruss. Als er sich von Wien kommend voll Sehnsucht endlich Venedig näherte, musste er wegen verdächtigter Ansteckung mit dem Pestvirus im etwa 70 Kilometer entfernten Palmada vorerst einmal mehrere Wochen in die Quarantäne. Rund die Hälfte des Vorworts zu seinem umfangreichen Reisebericht widmete er dieser Isolationshaft. Das Erlebnis muss für ihn geradezu traumatisch gewesen sein. Er habe, eingestandenermassen, nicht an die in der Türkei und in Ungarn gerade wieder ausgebrochene Pest gedacht. Etwas rechthaberisch, wie er sich auf seiner Reise immer wieder kaprizert, geizt er dann nicht mit harscher Kritik an den venezianischen Behörden. Diese seien «überängstlich» und «doch gar zu genau und beflissen»; «(...) sie übertreiben diese Vorsichtsmassnahmen immer und ich gehörte zu denjenigen, die ihre Strenge erfahren mussten.» Weder in der Steiermark noch auf der Strecke nach Venedig habe sich nämlich irgendjemand um die «angebliche Krankheit» gekümmert. Goethe schildert seine behördliche Arretierung, eingehende Befragung und wie er dann, von einem Aufseher streng bewacht, in «einer Höhle» isoliert worden sei, in der «die Mäuse bequem ein- und ausgehen konnten». Jeder sei vom anderen streng getrennt worden. Dazu das «eintönige Essen wie in Armenhäusern», das er den Hunden zugeworfen habe. «O was für barbarische Sitten!», kommentiert er dazu. «Wütend» sei er am Ende geworden, weil er überdies acht Tage zu lang eingesperrt worden sei und dafür habe bezahlen müssen, er zu all dem «Purgatorium an diesem verwunschenen Ort» somit auch noch geprellt worden sei. «Schande über diese bösen und niederträchtigen Menschen», so sein Fazit.


Wie erwähnt, hatte Goethe seine Italienreise bis in die letzten Details vorausgeplant; Unerwartetes wie der Ausbruch örtlich begrenzter Pestepidemien konnte ihn in Wut und Panik versetzen. Während es Montaigne immer wieder verstand, die innere Ruhe zu bewahren und verseuchten Zonen besonnen und geradezu elegant auszuweichen, verfügte der Deutsche Reisende nicht über dasselbe Geschick.



Vgl. dazu Reise durch Italien im Jahre 1740, München 1986, S. 13-16. (Leicht angepasster) Auszug aus Hugo Schwaller, Montaigne in Lucca (1581).

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