Miles Koeder: Der Kreuzritter für die markenfreie Marke

Aggiornamento: 6 feb


Seit je, Markenartikel entzweien die Gesellschaft.

Die einen lieben, verehren sie: Selbst wenn sie viel kosten, der

emotionale Gewinn überwiegt den hohen Preis. Die Marke ist für

sie wichtiger als das Produkt selber.

Andere begegnen Markenartikeln mit Abneigung, sogar mit

Verachtung: Sie verunmöglichen als Massenprodukte eine

individuelle Identifikation, und wer sie kauft, sie nutzt, zur Schau

stellt, betreibt gratis Werbung.



Michael Glausers Projekt „koeder“ setzt sich seit Jahren vertieft mit

dem soziologischen Phänomen der Marke auseinander. Glauser

beschreitet einen dritten Weg: In seinem Konzept steht die Marke

für sich selbst; sie ist der einzige und alleinige Wert, ein Wert eo

ipso.



Dieses Konzept, versinnbildlicht mit einem stilisierten Hechten, ist

für Michael Glauser, alias Miles Koeder, zu einer lebensbejahenden

Mission geworden. Seit seiner Jugend zeichnet er mit hoher

Passion Hechte. Und nach wie vor ist er auf der Suche nach dem

perfekten Hechten. Farben, Schablonen, Verdünner, weitere

Materialien aller Art trägt er stets schwer bepackt auf sich. Denn ein

jeder Moment könnte der richtige sein, den perfekt geformten

Hechten zu zeichnen. Diesen möchte Miles Koeder nicht

verpassen.



Der Visionär Miles Koeder ist in den Hortus gekommen, um seinen

Hechten, seinen koeder, sein ideologisches Konzept zu erläutern.

Und vielleicht auch - um ein bisschen Werbung zu machen.



Hortus deliciarum (H-D):

Herr KOEDER bzw. Herr Glauser, Sie sind als Jurist und

Fürsprecher auf den ersten Blick weit weg von Hechten und

Fischen. Wie bringen Sie die beiden Bereiche zusammen?


Miles Koeder (MK):

Im Juristenteich tummeln sich etliche Hechte.


H-D:

Wie erklärt sich Ihre Passion für den Hechtkult? Wieso gerade ein

Hecht? Wie kam es dazu?


MK:

Ich kann die Passion nur mit meinen Wurzeln erklären. Ich bin im

Berner Seeland in einem kleinen Dorf am Wasser aufgewachsen,

noch ohne Internet. Alle Dorfbuben haben geangelt. Wer einen

Hecht an Land zog, war der König. Denn Hechtfänge waren rar. Ich

weiss noch genau, wie ich als Viertklässler an einem schulfreien

Mittwochnachmittag meinen ersten Hecht fing. Ich war alleine

unterwegs und der Anbiss erfolgte auf einen Perlmuttlöffel. Bei mir

kam dann noch das Interesse fürs Zeichnen hinzu. Diesbezüglich

war mein Elternhaus hilfreich und Impulsgeber. Wir besuchten oft

Kunstausstellungen und die Eltern pflegten auch privat Kontakt zu

lokalen Kunstschaffenden. So begann ich damals zu recherchieren

und fand heraus, dass lokale Künstler wie Heini Stucki oder Martin

Ziegelmüller, aber auch bekannte Künstler wie Amiet oder

Segantini, sich künstlerisch bereits mit dem Hecht

auseinandergesetzt hatten.


H-D:

Wofür steht Ihr Hecht? Gemäss dem Artikel in der NZZ (auf Ihrer

homepage „koeder“) genügt er sich selbst. Wie ist das zu

verstehen?


MK:

Ich muss etwas ausholen: Ende der 1980er-Jahre begann ich mit

dem Hecht-Zeichnen. Wenn ich diese Zeichnungen heute

anschaue, handelt es sich dabei schlicht um Kinderzeichnungen.

Jahre später, zu Beginn der 2000er-Jahre, machte ich nach

meinem Studium in Zürich an der Bahnhofstrasse ein Praktikum.

Ich beobachtete, wie Konsumenten viel Geld für Markenartikel

ausgeben. Das war neu für mich, ich hatte mich bis anhin nicht mit

Marken beschäftigt. Aus Gesprächen mit Verkaufspersonal erfuhr

ich, dass die Marke für den Kauf den Ausschlag geben kann und

nicht das Bedürfnis nach einem Gegenstand. Der Volksmund hat

dafür eine schöne Redewendung entwickelt: «Man ist bereit, für

den Namen zu bezahlen». Aus diesen Beobachtungen leitete ich

die Idee ab, ein Hechtlogo für ein Markenprojekt zu entwickeln, in

welchem das Logo nur noch für sich selbst steht bzw. weder Tasche

noch Hose oder sonst ein Produkt kennzeichnet. Die Idee sah

zudem vor, dass das Logo einzig mittels Mund-zu-Mund-Werbung

propagiert wird.. So zeichnete ich den stilisierten Hecht, welcher

mittels Schablonetechnik reproduziert wird. Nachdem in Zürcher

Kultur- und Szenelokalen die ersten Hechte auftauchten, griffen

lokale Medien das Thema auf. Ein Journalist schrieb dazu in

seinem ersten Portraitentwurf: der «reduced to the max» Hecht. Ich

war natürlich gebauchpinselt, fand das aber zu hoch gegriffen.

Freundlicherweise wählte dann die NZZ eine bescheidenere

Ausdrucksweise.


H-D:

Der Hecht ist folglich ein Markenzeichen, eines, das für sich selbst

steht. Wenn ich den Hechtkult als Parodie auf den so verbreiteten

Markenkult auffasse – liege ich richtig, oder falsch?


MK:

Parodie, Ironie … oder doch Dadaismus? Ich fand damals während

meiner Stage in Zürich das soziologische Phänomen «Marke»

spannend. Man muss sich das plastisch vor Augen halten: Der

erfolgreiche Geschäftsmann arbeitet den ganzen Arbeitstag

geldgetrieben an der Zürcher Bahnhofstrasse, er kalkuliert,

verhandelt und optimiert. Doch zum Feierabend gönnt er sich eine

zerschlissene Markenjeans für CHF 800 und fährt danach im

röhrenden Ferrari nach Hause. Offensichtlich ist da für den

Konsumenten der emotionale Gewinn ungleich höher als der

finanzielle Verlust.


H-D:

Verbinden Sie ein spezielles Anliegen mit Ihrem Hecht?


MK:

Ja. Wer sich über den Hecht informiert und erstmals auf

www.koeder.ch einsteigt, erfährt unvermittelt, dass es darum geht,

«den Hecht zum Leben zu erwecken» bzw. «dem Hecht Leben

einzuhauchen». Ich verbinde mit meinem Hecht eine

lebensbejahende Haltung.


H-D:

Auf Ihrer Homepage sehen wir Sie, wie Sie schwer belastet, mit

ernstem Gesichtsausdruck, ein grosses Bild mit einem Hecht über

eine Meeresküste tragen. Ich habe den Eindruck von einer tiefen

Mission. Sie erinnern mich an Christus mit dem Kreuz. Sind Sie ein

moderner Kreuzritter?


MK:

(schallendes Gelächter) Das Bild wurde in der La-Tène am

Neuenburgersee aufgenommen. In der La-Tène wurden

bedeutende Funde der Kelten gemacht. Die La-Tènekultur ging

daraus hervor (www.latenium.ch). In den jahrtausendealten

Feuerstellen wurden auch unzählige Hechtknochen ausgegraben.

Der Ort ist also bewusst mit Hechtbezug gewählt. Wer die La Tène

besucht und auf den Damm hinaus läuft, erlebt das Gefühl

unendlicher Weite, Wasser und Himmel verschmelzen; es ist

tatsächlich wie am Meer. Betreffend Ballast kann ich sagen, dass

ich zu Beginn meiner «Hecht-Idee» für mich entschieden habe,

dass ich das gesamte Projekt wortwörtlich stets selber muss tragen

können. Ich habe alle Schablonen und das weitere Hilfsmaterial wie

Farben, Verdünner, Klebband etc. stets auf mir (Neudeutsch der

KISS-Ansatz, Keep It Simple & Stupid). Das macht dann rasch 20

kg Ballast.


H-D:

Andererseits rufen Sie auf zu spielen mit Form, Farbe, Material,

Gestaltung. Welchen Platz hat das Spielerische in Ihrem Hechtkult?


MK:

Das Spielerische ist für mich ganz wichtig. Einerseits geht es um

den Ursprung, das sind meine Kinderzeichnungen und die

Erinnerungen an die Zeit an den Seeländer Gewässern,

andererseits um die Freiheit, mit dem Hecht letztlich zu machen,

was ich will.


H-D:

Was genau ist der perfekte Hecht, von dem Sie auf Ihrer Homepage

sprechen?


MK:

Der perfekt geformte Hecht behält Generationen übergreifend seine

Qualität und somit zeitlose Gültigkeit. Die Bahnhofsuhr von Hans

Hilfiker ist für mein Empfinden beispielhaft. Ein weiteres Merkmal

ist, wenn die stilisierte Form auf verschiedensten Unterlagen und in

verschiedenen Grössen als Umsetzung funktioniert. Bezogen auf

die Hechtform muss diese als Tattoo, Flagge, gesprayt auf Auto etc.

funktionieren.


H-D:

Wir sehen auch zahlreiche Fotos des Hechts in verschiedensten

Gegenden der Welt. Bis wohin ist der Hecht schon geschwommen?


MK:

Der Hecht «schwimmt» erfreulicherweise weltweit. Oft nehmen

Schweizer Touristen ein paar Kleber mit, oder der Hecht wird

weltweit downgeloadet. Dem Schweizer Filmer Christian Frei habe

ich seinerzeit Hecht-Kleber mitgegeben, damit Kosmonauten den

Hecht zur Raumstation MIR bringen.


Bis zu den Kosmonauten!, und auch in privaten Bibliotheken!

H-D:

Mittlerweile gibt es Ihren Hecht auch auf wertvollen Gegenständen.

Widerspricht dies nicht dem Grundsatz des Hechts, wonach er sich

selbst genügt?


MK:

Meines Erachtens nicht, von mir ist stets der Hecht, der

Gegenstand ist Träger des Hechts. So funktioniert das Projekt stets

partnerschaftlich.



H-D:

Swim koeder swim! Ist Ihr Leitsatz. Wie geht es weiter im Hechtkult,

der 200 Jahre währen soll?


MK:

Seit gestern schwimmt erstmals ein Hecht als NFT (Non Fungible

Token) https://xchain.io/asset/KOEDER ). Erfreulicherweise werde

ich laufend mit neuen Ideenvorschlägen kontaktiert. Wenn die

Finanzierung möglich ist, bin ich in aller Regel dabei.



Swim Koeder Swim!


Klicken Sie auf den Hecht!


H.M.S - Merlin 05/02/2022

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