Die englische City Comedy. Ein Sub-Genre
- hugo2825
- 17 nov
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Das englische Volkstheater
Seit dem Mittelalter war das englische Volkstheater die eine grosse Massenunterhaltung, und den Höhepunkt erreichte es in der Renaissance. Die damaligen Londoner Bühnen waren zahlreich. Das Blackfriars und das Globe Theatre, an denen beiden Shakespeare wirkte, fassten rund 3’500 Personen, die kleineren Bühnen, The Swan oder The Rose, boten wahrscheinlich etwa 2’000 Zuschauern Platz. Dazu kamen zunehmend kleinere private Bühnen.
Der Theaterbesuch war mehr als ein Bühnenereignis. Er geriet oft zu einem Volksauflauf oder Volksfest. Anders als heute blickte das Publikum nicht auf eine Guckkastenbühne, sondern umringte eine auf drei Seiten offene Bühnenplattform. Und ebenfalls anders als heute waren die billigsten Plätze jene in den vordersten Reihen. Erklärbar ist dies möglicherweise damit, dass die Zuschauer, die unmittelbar am Bühnenrand standen, während der ganzen Vorstellung nach oben starren mussten, was eine grosse Herausforderung an ihr Genick stellte. Stehplätze dieser Art waren für die so genannten Groundlings bestimmt, Angehörige der niederen Stände, die mit ihren Bekundungen während der Vorstellung wahrscheinlich nicht immer zurückhaltend waren und ihre Reaktionen zum Bühnengeschehen lautstark zum Ausdruck zu bringen gewohnt waren. Die Besucher kamen und gingen während des Spielverlaufs, es wurde gegessen und getrunken, gekauft und verkauft, und auch die Zuhälter sollen ihrem Gewerbe gefrönt haben. Das Volkstheater der englischen Renaissance, zur Zeit von Elizabeth I. und ihrem Nachfolger James I., war ein Volksfest, das sich mit grossen Veranstaltungen unserer Zeit vergleichen lässt, beispielsweise mit Sportanlässen und anderen Massenveranstaltungen unter freiem Himmel oder mit Rockkonzerten in Hallenstadien. Wie sein Name sagt, war das Volkstheater für jedermann, für die Angehörigen aller Stände bestimmt. Shakespeares Globe Theatre soll die Inschrift getragen haben: Totus mundus agit histrionem - die ganze Welt ist ein Schauspiel, ein Gedanke, den dann Jaques in Shakespeares Komödie As You Like It ausspinnen sollte.
Aufgeführt wurde die ganze Palette: Tragödien, Tragikomödien, Komödien, Maskenspiele und weitere Bühnenformen. Insbesondere wetteiferten die universitär gelehrten Dramatiker, die so genannten university wits wie John Lyly, Robert Greene, George Peele oder Christopher Marlowe, um die Gunst des Publikums. Und die Schauspiele ihres Rivalen William Shakespeare, der, so weit wir heute wissen, nicht zu den university wits zählte, wurden gleichermassen breit aufgeführt. Shakespeare leitete überdies selber eine Schauspieltruppe, The Lord Chamberlain’s Men, später umgetauft in The King’s Men, die dann das Patronat des neuen, den Künsten zugewandten Königs James I. genoss.
Der Stoff der aufgeführten Komödien, um die es hier geht, war in alle Regel romantischer Art. Die Schauplätze waren fast durchgehend im Süden angesiedelt, vornehmlich in Italien, Frankreich oder Spanien. Sie werden dem Publikum mit den Namen der Bühnenfiguren deutlich gemacht. In Shakespeares The Winter’s Tale treffen wir „Leontes, the King of Sicilia“, in All’s Well that Ends Well „The King of France“, in The Tempest „Alonso, King of Naples.“ Genaue örtliche Hinweise auf solche südlichen Schauplätze finden sich in diesen Schauspielen aber nicht. Sie waren offensichtlich schon in der Renaissance zu Chiffren geworden, die bei den Theaterbesuchern im kühleren England Sehnsüchte weckten. Damit waren sie eingeladen, sich selbst ein Bild dieser Lokalitäten in der südliche Ferne zu machen und nahmen damit kreativ am dramatischen Geschehen teil.
London als Schauplatz der City Comedy
Diese romantisch ausgerichtete Tradition änderte sich beobachtbar nach der Thronbesteigung des neuen Königs James I. im Jahre 1603. Statt der bis anhin südlichen Örtlichkeiten, an die sich das Publikum gewöhnt hatte, diese wahrscheinlich sogar erwartete, wählten die Dramaturgen für ihre neuen Komödien jetzt zunehmend London als Schauplatz; die Kleinstadt Ware in Hertfordshire unweit der Kapitale als Nebenschauplatz im Schauspiel Northward Ho (1607) ist bloss die Ausnahme, welche die Regel bestätigt. Eastward Ho, geschrieben von George Chapman, John Marston und Ben Jonson und zum ersten Mal aufgeführt im Jahre 1605, spielt in London, und etliche Namen von Strassen und Distrikten der Stadt (Wapping, Cheapside, Isle of Dogs, Billingsgate, Thames-Side) werden genannt. Dasselbe gilt für die Komödien Westward Ho und den Hauptschauplatz in Northward Ho, zwei Stücke, die gemeinsam von Thomas Dekker and John Webster geschrieben wurden und in einem satirischen Bezug zu Eastward Ho stehen. Ähnlich, wie schon der Titel verrät, in Ben Jonsons Bartholomew Fair, wo wir zudem auf Verweise auf den Handel und das Gewerbe in London stossen.
Auch die zentralen Thematiken sind jetzt andere. Die Dramaturgen verzichten auf das Legenden- und Wunderhafte, wie es beispielsweise Shakespeare in The Tempest oder The Winter’s Tale eingearbeitet hat. Auch Unbewusstes und Unerklärliches wie in The Midsummer Night’s Dream wird getilgt. Stattdessen richten sie den Fokus auf die Londoner Gesellschaft und weisen satirisch auf wunde Punkte im damaligen dortigen Alltag. Geldgier, Geiz und Wucher gehören zu den wiederkehrenden Themen der City Comedies, beispielsweise in Thomas Middletons A Mad World my Master und in den genannten Eastward Ho von Chapman, Marston und Jonson sowie in Bartholomew Fair von Jonson. In dieser niederen Form der Komödie liess John Day in Law Tricks (1608) auch den Ehebruch nicht aus. Und die Satire stoppte selbst vor dem königlichen Hof nicht. John Marston macht in The Malcontent und in The Fawn die eitlen Ambitionen, Speichelleckereien, Begünstigungen und Benachteiligungen an italienischen Fürstenhöfen zum Thema. Der Dramatiker zielte damit satirisch auf Schwächen und Abgründe am damaligen Londoner Hof, denn gemeint war tatsächlich dieser, und er mahnte damit subkutan Verbesserungen an.
Das auffallende Interesse der Dramatiker an Themen der genannten Art lässt wohl nur den einen Schluss zu: Dass die damalige allgemeine gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Lage in London im Argen lag, vieles von der Bevölkerung als wurmstichig wahrgenommen wurde, und dies als Komödienstoff somit auf breites Interesse stossen musste. Das elisabethanisch-jakobäische London war mittlerweile zu einer in schnellem Tempo stets grösser werdenden Stadt angewachsen und zählte Anfang des 17. Jahrhunderts gemäss Quellenlage rund 200’000 Einwohner. Der Handel blühte und reichte nun mit der East India Company bis nach Ostasien. Damit ging eine Kosmopolitisierung der Stadt einher, verbunden mit der Zuwanderung von Fremden. Und damit verbunden waren wiederum Probleme der Unterbringung, der Infrastruktur und insbesondere auch der Hygiene. Frühe Echos auf die hohe Zuwanderung sind möglicherweise Shakespeares Mohr in Othello oder Christopher Marlowes The Jew of Malta, Schauspiele, die das Fremde zum zentralen Thema machten. Schliesslich war auch James I. als König nicht überall gleich unbestritten und musste im Parlament um seine Macht kämpfen, was John Marston spöttischen Stoff geliefert haben dürfte für seine beiden genannten City Comedies, The Malcontent und The Fawn. Und der König schlug zurück: Als Eastward Ho Schottland satirisch aufs Korn nahm, liess James I., der schottischer Herkunft war, die Autoren Georg Chapman, John Marston und Ben Jonson kurzerhand festnehmen, und sie landeten im Kerker.
Die City Comedies spiegeln somit drastische Veränderungen im damaligen London des frühen siebzehnten Jahrhunderts. Als Sub-Genre haben sie in Literaturgeschichten, in englischen und in deutschen, erstaunlicherweise nicht breit Eingang gefunden, wenn auch Komödien dieser Gattung einzeln wiederholt analysiert worden sind. Die Darstellung von Brian Gibbons, Jacobean City Comedies (London 1980), ist eine Ausnahme, und sie hat auch fünfundvierzig Jahre nach ihrem Erscheinen nichts an Wert verloren. Dramen dieses SubGenres und das Leben der jeweiligen Dramaturgen sind, unter anderen Literaturwissenschaftlern, eingehend von Robert Fricker in seinem umfassenden Werk Das Ältere Englische Schauspiel (Francke Verlag Bern, 3 Bde., 1975, 1983, 1987) besprochen worden.
Und nochmals zum interessanten Titelbild, das zu einer interessanten Sammlung gehört: "This file comes from the Welcome Collection, a website operated by Wellcome Trust, a global charitable foundation based in the United Kingdom. Refer to Wellcome blog post (archive).“
H.M. Merlin 16.11.2025



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