top of page

Karl Philipp Moritz - oft vergessen, und wieder erinnert

Er gehört zu jenen Autoren, die nie breite Bekanntheit erlangt haben, weder zu Lebenszeiten noch danach. An sie wird oft gedacht, wenn ein (runder) Geburts- oder Todestag bevorsteht. Karl Philipp Moritz (1756-1793) würde im Jahr 2026 270 Jahre alt; es dürfte diesmal nicht anders sein. Moritz verdiente allerdings, dass man sich über den Tag seiner Geburt hinaus an ihn erinnert. Er blieb nach seinem Tod lange Zeit unbeachtet, war nahezu vergessen. Arno Schmidt beabsichtigte dies im Jahre 1971 zu ändern. Seine Nachrichten von Büchern und Menschen widmete er Schriftstellern, die er in Erinnerung rufen wollte, und seine Auswahl enthielt auch ein fiktives Gespräch oder ein so genanntes DialogEssay mit Karl Philipp Moritz. Schmidt war diesem Autor gewogen, was nicht für alle anderen, die er ausgewählt hatte, gleichermassen zutrifft, beispielsweise nicht für Adalbert Stifter, mit dem er unglimpflich umgeht. Bereits am Ende eines kurzen Essays zu Moritz aus dem Jahre 1957 stellte Schmidt am Schluss die Frage:

„Wo ist der Verleger, der diese Bücher wieder ins Bewusstsein der Gebildeten zurückführt?!“ (Essays und Aufsätze, Der arme Anton Reiser, S. 162).


Gänzlich unbeachtet ist Moritz aber nicht geblieben. Stark gefördert wurde er beispielsweise vom staatlich gelenkten Literaturbetrieb der Deutschen Demokratischen Republik. In der Reihe der BDK

(Bibliothek Deutscher Klassiker) erschien 1981, und dies bereits in dritter Auflage, eine zweibändige Ausgabe mit ausgewählten Schriften von Moritz. In seinem Vorwort erkannte Jürgen Jahn Moritz als ein Opfer gesellschaftlicher Unterdrückung; er sei ein „rebellisch-plebejischer Sprecher des ‚vierten Standes‘“ gewesen und somit im Kontext des Klassenkampfes seiner Zeit zu würdigen. Schon im Jahre 1966 hatte der Insel Verlag in Leipzig ein wichtiges, aber damals längst nicht mehr erhältliches Werk von Moritz, die Götterlehre oder Mythologische Dichtungen der Alten, neu gedruckt. Es war eine wohlfeile Ausgabe Mit fünfundsechzig Abbildungen nach antiken geschnittnen Steinen und andern Denkmälern des Altertums. Den damaligen Verlagen in der DDR verdanken wir viele hochkarätige Nachdrucke der seltenen Art. Diese Bände gehören dazu. Und 1980 wartete der Insel Verlag Frankfurt a. M. mit einem besonderen Kleinod auf: zwei kleinformatige Faksimile im Schuber von Moritz’ Kinderlogik und Neues ABC-Buch nach den Berliner Erstausgaben von 1786 und 1794 Die Kupferstiche stammten von niemand anderem als von Daniel Chodowiecki, dem unangefochtenen Meister der Kupferstecherkunst der damaligen Zeit. Man ersieht daraus: Moritz ist zwar kein Erfolgsautor in unserem heutigen Sinne; aber es ist

seiner in zeitlichen Abständen mit würdigen Ausgaben immer wieder gedacht worden.


Hat sich also Arno Schmidts Absicht, Moritz breiter bekannt zu machen, erfüllt? Überblickt man die Bücher von Moritz, die seither wieder auf den Markt gekommen sind, so ist die Bilanz ernüchternd.

Nachgedruckt worden sind wiederholt die gleichen Titel, das breite und vielfältige Oeuvre dieses Autors ist aber in seiner Ganzheit bis dato (noch?) nicht wiederauferstanden. Eine verlässliche

Gesamtausgabe fehlt nach wie vor. In den Achtzigerjahren arbeitete der Greno Verlag an einer auf dreissig Bände angelegten Edition. Bedauerlicherweise versiegte diese Ausgabe schon bald (auch hier erschien Anton Reiser wieder als erstes Werk). Ein wertvolles Buch zu Moritz in diesem Zusammenhang aus dem Greno Verlag war das Karl Moritz Lesebuch, herausgegeben von Uwe Nettelbeck. Es versammelt reichhaltig Stimmen aus jener Zeit zu Moritz. Und Hoffnung besteht: Die wertvolle wissenschaftliche Ausgabe der Berlin Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Karl Philipp Moritz’ Gesamtwerk, geplant in dreizehn Bänden, schreitet erfreulich voran.


Goethe als Förderer des unterprivilegierten Moritz


Die Frage stellt sich, was genau Moritz zu einem offenbar schwierigen Autor macht, der nie grosse Breitenwirkung erzielt hat. Er schreibe für Gebildete und sei „eine der merkwürdigsten Gestalten unserer Hochliteratur“, so argumentierte Schmidt. Ähnlich wertschätzend äusserte sich bereits Goethe in seiner Italienischen Reise über seinen Zeitgenossen: „Er ist wie ein jüngerer Bruder von

mir, von derselben Art, nur da vom Schicksal verwahrlost und beschädigt, wo ich begünstigt und vorgezogen bin.“ (14. Dezember 1786 in Rom). Der Unterschied zwischen dem in jeder Beziehung privilegierten Goethe und dem gleichermassen benachteiligten Moritz könnte tatsächlich nicht grösser sein. Moritz stammte aus Hameln, wuchs in einem ärmlichen, pietistisch-sektiererischen Milieu auf und war seit frühester Jugend kränklich. Den Besuch der öffentlichen Schule musste er auf Geheiss seines Vaters, aufgrund dessen streng quietistischen erzieherischen Vorstellungen, abbrechen; ein begüterter, wohltätiger Bürger sprang ein und ermöglichte Karl Philipp die Schulbildung. Goethe traf Moritz während seiner Italienischen Reise in Rom. Dies wurde zum Sprungbrett; Moritz wurde dank der Empfehlung Goethes im damaligen Berlin von Ludwig Tieck und Wilhelm von Humboldt zum Professor der Schönen Künste ernannt. Die gelenkte Förderung durch den Dichterfürsten Goethe hatte ihre Wirkung nicht verfehlt.


Goethe, bekannt dafür, dass er gesellschaftlich wählerisch war, nahm regen Anteil an Moritz und begegnete ihm auffallend einfühlsam. Dies zeigte sich insbesondere anlässlich ihrer Begegnung in Rom. Moritz hatte bei einem Unfall zu Pferd seinen Arm verletzt und Goethe nahm ihn bei sich auf und pflegte ihn während vierzig Tagen. Einträge dazu finden sich sowohl in Goethes als auch in Moritz’ Tagebuch. „Moritz ist hier, der die englische Reise schrieb, ein sehr guter, braver Mann mit dem wir viel Freude haben.“ „Moritz, der an seinem Armbruch noch im Bette

liegt, erzählte mir wenn ich bey ihm war Stücke aus seinem Leben und ich erstaunte über die Ähnlichkeit mit dem Meinigen“, so Goethe im November / Dezember 1886 aus Rom

( https://www.projekt-gutenberg.org/goethe/brstein2/chap060.html ).

Umgekehrt Moritz im Dezember 1886: „Was nun während der vierzig Tagen (…) der edle menschenfreundliche Goethe für mich getan hat, kann ich ihm nie verdanken, wenigstens aber werde ich es nie vergessen; er ist mir in dieser fürchterlichen Lage (…) alles gewesen, was ein Mensch einem Menschen nur sein kann.“


Goethe und Moritz waren Universalisten, an allem interessiert, und es zeigen sich im Werk der beiden auffallende Parallelen. Moritz schrieb seine Reisen eines Deutschen in Italien in den Jahren 1786 bis 1788, Goethe seine Italienische Reise im gleichen Zeitraum. Moritz’ Schriften bewegten sich in Goethes eigener Denkrichtung; als Beispiele seien, nicht abschliessend, genannt: seine weiteren Reisen in England (Reisen eines Deutschen in England im Jahre 1782), seine Studien zum Altertum (Götterlehre und Mythologische Dichtungen der Alten), zur Ästhetik (Über die bildende

Nachahmung des Schönen), zur Pädagogik (Kleine praktische Kinderlogik, welche auch zum Theil für Lehrer und Denker geschrieben ist), oder zur Sprachvermittlung (Italienische Sprachlehre für die Deutschen, Vom richtigen deutschen Ausdruck). Moritz, so lassen die Titel seiner Werke erkennen, war vieles: ein Autor mit einem zu seiner Zeit noch aussergewöhnlichen psychologischen Interesse, einer der frühen Reiseschriftsteller, Verfasser ästhetischer, geschichtlicher und mythologischer Werke,

Pädagoge, Sprachlehrer und anderes mehr. Wie gross genau sein Werk ist, lässt sich aber nicht mit Sicherheit sagen; die besagte laufende Gesamtausgabe wird dazu Klarheit schaffen.


Anton Reiser. Ein Psychologischer Roman


Goethe kommentierte auch zum wahrscheinlich bekanntesten Werk von Moritz, zu Anton Reiser. Ein psychologischer Roman. „Moritz ist hier, der uns durch ‚Anton Reiser‘ und die ‚Wanderungen nach England‘ merkwürdig geworden“; im Reiser gehe es darum, „über die Innerlichkeiten des Menschen, seine Anlagen und Entwickelungen fortwährend zu sinnen und zu spinnen“ (1.Dezember 1786 in Rom). Anton Reiser ist gemäss dem Autor eine Selbstbiographie unter einem Pseudonym, einem alter ego. Dies hält Moritz gleich zu Beginn seiner Vorrede zum ersten Teil fest:


„Dieser psychologische Roman könnte auch allenfalls eine Biographie genannt werden, weil die Beobachtungen grösstenteils aus dem wirklichen Leben genommen sind.“


Ebenso in der Vorrede zum zweiten Teil:

„(…) dass dasjenige, was ich (…) einen ‚psychologischen Roman‘

genannt habe, im eigentlichsten Verstande ‚Biographie‘, und zwar

eine so wahre und getreue Darstellung eines Menschenlebens, bis

auf seine kleinsten Nuancen, ist, als es vielleicht nur irgendeine

geben kann.“



Im ersten und zweiten der insgesamt vier Teile des Romans schildert Moritz Anton Reisers frühe Jugendjahre: Die Armut, in der er in Hannover aufwächst, seine Lehre in Braunschweig bei einem

Hutmacher mit rigidesten pietistischen Glaubensvorstellungen, die Anton dann nach einem Versuch, sich ums Leben zu bringen, abbricht. Es folgt das Gymnasium in Hannover, das er nur dank

eines privaten, wohltätigen Unterstützers besuchen kann, und wo er bereits wegen seiner schlechten Kleidung für die sozial gut gestellten Mitschüler als Angehöriger eines sozial tiefen Standes erkennbar ist und von ihnen gleichsam geduldet wird. Er ist den Nöten eines gesellschaftlich Niederständigen und materiell Bedürftigen, den täglichen Abhängigkeiten und Demütigungen ausgesetzt, was ihn zutiefst kränkt und psychisch herabzieht. Anton

sondert sich zunehmend ab und lebt in einer Parallelwelt. Dies zeigt sich in seiner Wortwahl; er spricht immer wieder von seiner „Einbildungskraft“. Der bevorzugte Ort seiner Introspektion ist die

Stadtmauer in Hannover, auf der er einsam sinnierend, solipsistisch, innerlich rastlos und mit sich selbst beschäftigt, endlos auf und ab geht. Seine wahre Bestimmung glaubt er im Theater zu

finden, denn die Theatromanie war ein Kennzeichen seiner Zeit. Auch im dritten und vierten Teil des Romans verläuft sein Leben in einem ständigen Auf und Ab. Winkt ein Erfolg, so wird er bald

darauf geradezu böswillig wieder zunichte gemacht, ausgelöscht. In Gotha wird Anton vom renommierten Schauspieldirektor Ekhof abgewiesen. Sein sehnlichster Wunsch, als Schauspieler geliebt, gesellschaftlich akzeptiert und berühmt zu werden, erfüllt sich nicht.

Er wandert suchend und ziellos umher. Und je mehr er in seiner Phantasiewelt lebt, desto mehr verliert er den Kontakt zur Wirklichkeit.


Die letzten Zeilen des Romans fassen Antons widriges Lebensschicksal, seine verhinderte Entwicklung ins Bild. Sein innigster Wunsch, Schauspieler zu werden, endet in einer weiteren

Enttäuschung. Anton will sich in Leipzig der Speichschen Schauspieltruppe anschliessen. Hoffnungsvoll tritt er zu seinen neuen Kollegen, nur um deren „Niedergeschlagenheit“ wahrzunehmen. Der Leiter habe die „Theatergarderobe“ soeben verkauft und sei „mit dem Geld davongegangen“. Anton Reiser endet abrupt mit einem für den Roman programmatischen Satz: „Die Sp. sche Truppe war also nun eine zerstreuete Herde.“ Das ersehnte Happy Ending, die Erlösung, bleibt aus. Antons Hoffnungen haben sich einmal mehr zerschlagen. Der Protagonist des Romans ist ein Antiheld.


Moritz schildert Reisers verhinderte Entwicklung in vier Teilen. Wie Autobiographien so oft, endet auch diese im Alter von etwa zwanzig Jahren und wurde dann im mittleren Lebensabschnitt zu Blatt

gebracht. Kurios mutet an, dass Karl Friedrich Klischnig 1794, ein Jahr nach Moritzens Tod, den vier Teilen einen fünften folgen liess. Sein Buch Mein Freund Anton Reiser. Aus dem Leben des Karl Philipp Moritz. Schliesst unmittelbar ans Ende von Moritz’ viertem Teil an und schildert Reisers Vita bis an dessen Lebensende. Klischnig ist Biograph; in Ton und Gedankenführung folgt er allerdings dem Autobiographen Moritz auffallend eng. Er beschreibt den „guten“, den „armen Anton Reiser“ und steht stets treu auf seiner Seite. Anzeichen einer möglicherweise auch selbstkritischen Rückschau, dazu unten, ergeben sich in seinem fünften, posthum veröffentlichten Teil keine. Doch verdanken wir Klischnig die detaillierte Darstellung von Moritz’ weiterem Lebensweg, weshalb

seinem Folgeband ein hoher Wert zukommt.


Anton Reiser kann auch als Erziehungs-, Bildungs- oder Entwicklungsroman gelesen werden, einer allerdings, der gleichsam ins Leere läuft, weil er die Personagenese des Helden nicht vorantreibt und stattdessen in der Stagnation verharrt oder sogar im Scheitern endet. Die Lebensgeschichte des sozial benachteiligten Anton Reiser ist somit gleichsam das Negativstück zu Goethes aristokratischem Entwicklungsroman Dichtung und Wahrheit. Aus meinem Leben und zur bürgerlichen Variante von Gottfried Kellers Grüner Heinrich.


Reiser ist die Lebensgeschichte eines sozial Benachteiligten, der sich durchs Leben kämpft, um gesellschaftliche Akzeptanz ringt und Anerkennung sucht. Dass Moritz seine Leidensgeschichte im

Untertitel „Ein Psychologischer Roman“ nannte, erregte Aufsehen in einer Zeit, welche noch weit von der heutigen professionellen akademischen Psychologie entfernt war. Es dürfte der erste

deutsche Roman sein, der so bezeichnet wurde.


Bei genauer Lektüre liegt ein wesentlicher Reiz dieses autobiographischen Romans in Moritz’ nicht eindeutiger, vielmehr ambivalenter, vielleicht sogar polyvalenter Rückschau. Er evoziert

seine in der Vergangenheit erlebten Benachteiligungen und Enttäuschungen, lässt sie in all ihren Formen wieder aufleben, leidet im Nachhinein einmal mehr darunter und versinkt gar in

Selbstmitleid. Er sucht seine Kränkungen neu auf, lechzt oft geradezu nach ihnen. Wer den Roman gelesen hat, vergisst seine stets wiederkehrenden Klagen kaum mehr: „Da war Anton wie

weggeworfen“, „er sank in sich selbst zusammen“, er vergisst sich selbst, wie eine Auslöschung, er fühlt sich erniedrigt und beschämt und scheut das Licht der Welt. Doch liest man wiederholt und vertieft, ist man an mancher Stelle nicht mehr sicher, wie ernst es Reiser-Moritz aus der zeitlichen

Distanz ist. Wäre es möglich, dass er sich in der Rückschau selber kritisch betrachtet, er sogar über sich selbst lacht? Sich selbst zum Spott wird? Oder ist es gerade umgekehrt: Hat er sich in seiner

Verbitterung sogar noch beissend sarkastisch gesteigert? Wer Antons Leidensgeschichte liest, schwankt zwischen verschiedenen Möglichkeiten der Deutung und muss sich stets neu fragen, wie der Held, der eben ein Antiheld ist, sich seiner Vergangenheit stellt und wie er sein erlebtes Leiden genau verarbeitet.


Dass Reisers weiterer Lebensweg keinesfalls so unglücklich verlief, wie Moritz dies bis zum Ende seines psychologischen Romans schildert, zeigt Klischnigs fünfter Teil. Wir lernen dort einen in

schnellen Schritten stets erfolgreicher werdenden Protagonisten kennen, der vom Schicksal begünstigt wird. In Berlin kann er 1778 eine Stelle als Gymnasialprofessor antreten und wird nachher sogar zum Konrektor ernannt. Überraschenderweise kündigte er dann

diese privilegierte berufliche Stellung aus freien Stücken, weil er es vorzog, eine ausgedehnte Reise nach England zu unternehmen. Nach seiner Rückkehr wird er am Berlinischen Gymnasium erneut zum Professor ernannt. Doch Reiser verabschiedet sich auch von

dieser Stelle um sich länger in Italien aufzuhalten. Und es folgen weitere Privilegien: In Rom gewinnt er die Gunst Goethes, von dem er (so Schiller dazu) „enthousmiasmiert“ (sic!) war, und er trifft auch Herder. Auf Goethes Empfehlung wird er nach seiner Rückkehr zum Professor der „Theorie der schönen Künste an der Berliner Akademie“ ernannt. Zu seinen Zuhörern gehörten, wie bei Arno Schmidt zu lesen ist (Der arme Anton Reiser, S. 161), Humboldt oder Tieck. Weitere grössere Werke von Moritz entstehen in dieser Zeit, z. B. Die Götterlehre, Roms Altertümer oder Vorlesungen über den Stil. Reiser-Moritz hat es geschafft, die Anerkennung zu erhalten, die ihm in den vier Teilen seines psychologischen Romans so wichtig war. Sein zunehmender Erfolg mag ein Grund dafür sein, dass seine Verbitterung in der Rückschau nicht immer gleich ernst genommen werden kann, vielmehr eine versöhnliche Haltung zwar nicht ausformuliert ist, aber durchschimmert.


Moritz prangert im autobiographischen Anton Reiser die vielen sozialen Ungerechtigkeiten an, denen er ausgesetzt gewesen sei. Uwe Nettelbeck hat in seinem eingangs genannten Karl Philipp

Moritz, Lesebuch zeitgenössische Stimmen gesammelt, die sich zum Autor äussern. Diese lassen aufhorchen, weil Moritz charakterlich, als Person, fast durchwegs auf Ablehnung stösst. Er

sei seltsam, hypochondrisch, äusserlich verwahrlost, ein Sonderling, habe Selbstmordgedanken, wozu ihm aber die Kraft fehle; er sei träge, ein untätiges Hinbrüten zeichne ihn; er führe ein

Eremitenleben, sei exzentrisch, ohne Festigkeit und es mangle ihm an Charakterstärke; er sei affektiert und heuchlerisch, und er wolle stets Auffallen erregen, im Mittelpunkt stehen. Sein Verleger Campe schildert ihn in einer langen Anklage als betrügerisch, hinterhältig und zutiefst unehrlich. Goethe sticht als einer der wenigen heraus, die Moritz gesonnen waren. Schiller schreibt demgegenüber in einem Brief: „sonst sind wir übrigens keine Freunde“ (S. 191). Am

radikalsten äusserte sich Friedrich Schlichtegroll in seinem langen Nekrolog auf Moritz. Er verneinte nämlich gestützt auf Zeitzeugen, dass Reiser-Moritz gesellschaftlich benachteiligt, gar unterdrückt worden sei: „Es fiel keinem seiner Mitschüler ein, über ihn sich lustig zu machen; man fühlte Erbarmen mit dem Geschöpf. Natürlich konnte ein Jüngling der Art nicht sehr drauf rechnen, dass er anziehe und Achtung errege. Dennoch geschah meines Wissens nichts in jenen Jahren, was man als Verfolgung oder unwürdige Behandlung hätte auslegen können.“

(Nettelbeck, S. 9-401; Schlichtegroll S. 382).


Als Fazit ergibt sich, dass die Sicht Dritter in eklatanter Weise nicht dem Bild entspricht, das Reiser-Moritz von sich selbst zeichnet. Ein möglichst umfassendes Verständnis des Anton Reiser wird nicht

umhin kommen, auch diese Stimmen, diesen Aspekt, gebührend zu berücksichtigen und ins Gesamtbild miteinzubeziehen.


Andreas Hartknopf, Blunt oder der Gast


Das erzählerische und dramatische Werk von Karl Philipp Moritz ist schmal. Auch wenn Anton Reiser eine intensive, komplexe Innenschau eines scheiternden Helden ist, hat der Roman doch

eine stringente Handlung. Die beiden Teile von Andreas Hartknopf, Eine Allegorie (1786) und Andreas Hartknopfs Predigerjahre (1790), lesen sich schwer, weil sie einer solchen äusseren Handlung nur noch minimal folgen und sich das Geschehen aufs Innere verlegt. Es erstaunt nicht, dass diese beiden Werke von Moritz nicht zu den wiederholt veröffentlichten gehören, und sie

noch weniger Interesse gefunden haben als Anton Reiser. Arno Schmidt hielt in Die Schreckensmänner, seinem Dialog-Essay zu K. Ph. Moritz, dafür, dass „‚Andreas Hartknopf‘ (…) dem Durchschnittsleser absolut unzugänglich’“ sei (S. 167). Vertiefte Auseinandersetzungen damit fehlen weitgehend. Eine Ausnahme ist die herausragende Besprechung von Paul Hübscher (in www.litteratur.ch ), dem es gelingt, die beiden Texte auf kreative Weise aufzuschlüsseln und Interessierten nahe zu bringen.


Blunt oder der Gast (1780), das einziges Drama von Moritz, ist ein Kuriosum. Es basiert auf einer englischen Vorlage, auf Fatal Curiosity von George Lillo aus dem Jahre 1737, einer heute nahezu

vergessenen und kaum mehr aufgeführten Tragödie. Ein Fremder wird bei einem verwahrlosten und verarmten Ehepaar vorstellig und bittet, übernachten zu können. Mit der üblen Absicht, ihn im Schlaf zu ermorden und zu berauben und sich auf diese Weise zu bereichern, nehmen die Eheleute den Fremdling auf. Erst nach der Tat werden sie gewahr, dass es sich um ihren Sohn handelt, der als Schiffbrüchiger lange vermisst und dann für tot erklärt worden war.

Das Stück ist auf den ersten Blick mit Anton Reiser verwandt, auch es einer Handlung folgt, die im Vergleich zu Reiser als simpel zu bezeichnen ist. Hier wie dort ist die Armut von Angehörigen der

sozialen Tiefschicht das tragende Thema.


So wie Andreas Hartknopf kaum bekannt ist, sind auch Aufführungen von Blunt eine Seltenheit. Eine solche war in den frühen Neunzigerjahren an der Berliner Schaubühne am Leniner Platz vorgesehen, scheiterte aber, an Anton Reiser gemahnend, an den harten Klippen der Realität. Die Inszenierung sei nämlich wenige Tage vor dem Premieretermin abgesagt worden, dies mit

der Begründung: „Die Mitwirkenden sind der Auffassung, dass sie in ihrer Arbeit nicht zu dem Ergebnis gekommen sind, das eine Aufführung rechtfertigt.“ Der gescheiterte Plan erinnert an den

letzten Satz in Anton Reiser, wo dieser sich der speichschen Theatertruppe anschliessen will, diese sich aber gerade aufgelöst hat.


Gleichsam als Trost ist im Jahre 1994 beim Verlag Zweitausendundseins eine gelungene Ausgabe des Dramentextes dieser Aufführung zusammen mit weiteren kurzen Texten von und

zu Moritz erschienen. Der hier zitierte Zusammenhang ist auf der Innenseite des Vorderumschlags zu lesen.


Der Autor und sein Werk - vielseitig und schwer einzuordnen


Der Grossteil von Moritz’ ansehnlichem Werk ist allerdings theoretischer, populär-wissenschaftlicher Art. Es sind diverse Studien zur Geschichte, Philosophie, Ästhetik, Mythologie,

Erziehung, zu Stil und Prosodie, zur Sprachvermittlung (Italienische Sprachlehre für die Deutschen), zu den Freimaurern (denen Moritz angehörte), oder zum Journalismus (Ideal einer vollkommnen

Zeitung). Sogar ein speziell an Damen gerichtetes Werk verfasst er (Mythologischer Almanach für Damen), dazu mehrere und mehrbändige Wörterbücher zu Grammatik, Sprache und

Mythologie. Und Moritz darf für sich beanspruchen, mit seinem Magazin zur Erfahrungsseelenkunde als ein Lesebuch für Gelehrte und Ungelehrte, erschienen 1783–1793, das erste Journal in dieser Disziplin geschaffen zu haben Angesichts der Breite und Vielfalt seines Schrifttums kann Moritz auch nicht eindeutig einer einzigen Strömung oder Epoche zugeordnet werden. Er bewegt sich gleichsam autonom zwischen diesen, tritt auch hier als ein Sonderling in Erscheinung und gehört dennoch überall dazu. Den revoltierenden Anton Reiser würde man

am ehesten im Sturm und Drang, nahe bei Goethes Werther, sehen, in dieser Phase, in der er tatsächlich erschienen ist. Die Altertumsstudien (Anthusa oder Roms Alterthümer oder Götterlehre

oder mythologische Dichtungen der Alten) rücken in die Nähe der Weimarer Klassik, die Studien zur Natur (z. B. Das Edelste in der Natur) zur aufziehenden Romantik. Moritz’ Reisebeschreibungen in Italien und England künden den Reiseschriftsteller Heinrich Heine

an und weisen damit ebenfalls voraus auf die Romantik, aber auch auf den Realismus. Hinwieder atmen seine Fragmente aus dem Tagebuche eines Geistersehers als kritische Auseinandersetzung

mit Übersinnlichem und mit Aberglauben aufklärerischen Geist. Moritz umfangreiches Werk ist eine reiche Fundgrube. Das meiste ist aber in Buchform nach wie vor nicht oder längst nicht mehr

erhältlich, kann aber teilweise im Internet gelesen werden. Mit Spannung erwarten an Karl Philipp Moritz Interessierte jeden neuen Band der laufenden wissenschaftlichen Ausgabe.

Commenti


Hortus Deliciarum, Hugo Schwaller

Thanks for submitting!

Contact:

hugo@1st.ch

  • Twitter
  • Instagram

This site is subject to copyright in all its parts. No reproduction or copying of any contents may be made save with the written permission of the owner of this site.

bottom of page