Ein Gedenkband: In memoriam Gerhard Huber

Aggiornamento: 6 feb





Der Band versammelt neunzehn literarisch, philologisch und kulturgeschichtlich ausgerichtete Beiträge von Gerhard Huber, die in den 80er-Jahren in der Neuen Zürcher Zeitung erschienen sind. Es sind mehrheitlich Buchrezensionen, die mit einigen Kurzberichten von literarischen Kolloquien ergänzt werden.

Der Altertumswissenschafter

Gerhard Huber war ein so kenntnisreicher wie passionierter Altphilologe, und sein Blick reichte zudem weit über sein Kerngebiet hinaus. Im ersten Teil des Bandes finden sich Betrachtungen zur griechischen und römischen Antike – beispielsweise zu den Sophisten, zu Homers Odyssee, zu Vergil oder Cicero. Der Altertumswissenschafter war aber auch ein leidenschaftlicher und kompetenter Romanist. Ausdruck davon sind weitere acht Beiträge im ersten Teil des Bandes zu Marcel Proust, mit dem sich der im Jahre 2016 Verstorbene lebenslang intensiv beschäftigte. Aber auch zu Dumas, Stendhal, Madame de Sévigné, Chateaubriand, gar zu Casanova, bietet der Sammelband viel Interessantes. Dazu nimmt uns Huber mit in Exkurse in die Musik – er war selber begeisterter Pianist –, zu Mozart oder Beethoven, in die Oper oder ins Kino. Im Weiteren folgen wir ihm auch in andere Sprach- und Kulturregionen, etwa zu Shakespeare und in die englische Renaissance, deren Verbindung mit dem klassischen Altertum er hell beleuchtet. Verweise in die Malerei verschiedener Epochen fehlen ebenfalls nicht.

Der begnadete Gymnasialprofessor

Der klare Blick auf die jeweilige Thematik und die konzise sprachliche Darstellung dieser neunzehn literarischen Exkurse sind bestechend. Auch als langjähriger Lehrer für Griechisch und Latein am Gymnasium in Olten nahm Gerhard Huber die analytische Vermittlung antiker Texte als seinen hohen erzieherischen Auftrag wahr, um damit die Gymnasiastinnen und Gymnasiasten an exaktes Denken heranzuführen. Statt sich mit einer Übersetzung eines Begriffes aus dem Wörterbuch zu behelfen, pflegte er stattdessen zu fragen: „Wovon redet, wovon spricht dieses Wort?“. Diese von ihm gewählte Annäherung an den Sinngehalt einer Vokabel mochte zu Beginn für viele Schülerinnen und Schüler unüblich, gar befremdlich wirken. Doch begriffen sie bald: Der volle Sinn eines lateinischen Wortes erschöpft sich aufgrund der grossen zeitlichen Distanz und kulturellen Divergenz nicht in einem einzigen übersetzten Begriff. Eine tabula, beispielsweise, ist wohl ein Tisch; doch das altrömisch antike Verständnis für einen jeden Gegenstand war nicht notwendigerweise dasselbe wie das unsere heute. Und wohl erst später wurde vielen klar, wie stark geprägt von antikem Geist Gerhard Huber auch seinen Unterricht gestaltete. Statt der frontalen, dozierenden Belehrung stellte er wie in der sokratischen (oder der Sokrates von Platon zugeschriebenen) Mäeutik, vulgo: der Hebammenmethode, zielgerichtete Fragen und liess die Lernenden im dialogischen Prozess selber zur Erkenntnis kommen. Ausgehend vom einzelnen Wort gelang es dem talentierten Gymnasialprofessor, den Blick auf das Altertum ganzheitlich zu weiten und damit seine Zöglinge kulturgeschichtlich zu sensibilisieren, ihren Horizont zu erweitern und sie intellektuell herauszufordern. Es erstaunt deshalb nicht, dass selbst Schülerinnen und Schüler ohne spezielle Vorliebe für die antiken Sprachen Gerhard Hubers Unterricht, der nicht selten gewürzt war mit einer Prise feinen Humors, mit hohem Interesse folgten. Hubers Blick auf die Antike eröffnete ihnen neue Welten. Sie begriffen ihren Lehrer als bereichernden Vermittler von Altertum und Gegenwart, und sie schätzten seine geradezu ausnahmehafte menschliche Liebenswürdigkeit und Zugewandtheit hoch.

Stimmen aus dem Freundeskreis und Berufsleben

Hubers Betrachtungen werden im zweiten Teil des Bandes mit Beiträgen aus seinem Freundeskreis und aus seinem beruflichen Umfeld ergänzt, die uns den Autor auch zwischenmenschlich näher bringen. Wir lernen Gerhard Huber, beispielsweise, als geselligen Menschenfreund und als talentierten Koch kennen, oder, nicht überraschend, als Vielleser.

Betrachtungen von überzeitlicher Geltung

Der Herausgeber des Bandes, Peter Schnyder, war langjähriger Berufskollege von Gerhard Huber am Gymnasium in Olten, bevor er dann als Professor an die Universität Mulhouse berufen wurde. Ihm gebührt das Verdienst, uns die hohen Qualitäten von Gerhard Huber als Wissenschafter, als Lehrer und als Mensch in Erinnerung zu rufen, ja, sie zu bewahren. Den deutschen Texten schickt Schnyder eine französische Zusammenfassung voraus. Dies wird insbesondere Interessierte in Frankreich freuen, denn Huber hatte einen zweiten Wohnsitz in der Rue de Sorbonne in Paris und nahm auch dort rege am gesellschaftlichen Leben teil. Und der Zufall wollte es, dass er im selben Haus lebte wie Jane Birkin, wie er einst etwas schalkhaft verriet.

Der von Peter Schnyder herausgegebene Gedenkband bleibt somit auch über die Grenze der Schweiz hinaus ein bleibendes Vermächtnis des Verstorbenen. Die gesammelten Beiträge Hubers, erstmals veröffentlicht vor rund vierzig Jahren, sind von überzeitlichem Interesse, haben nichts von ihrer Gültigkeit verloren und lohnen sich deswegen auch heute wieder gelesen zu werden. Im Sinne des berühmten Verses in den Oden des Horaz (über den der gelehrte Altphilologe aus Zollikon einst dissertierte 1) rufen wir zu: O Gerharde! Monumentum exegisti!



Gerhard Huber, De l’Acropole à Zollikon. 19 excursions littéraires. Von der Akropolis nach Zollikon. 19 literarische Exkurse. Hg. von Peter Schnyder. Pa- ris 2020.



H.M.S. - Merlin

25/01/2022

---------------------------------------------------- ¹Gerhard Huber, Wortwiederholung in den Oden des Horaz. Zürich 1970.


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